„Die orthodoxe Diaspora“ ist eine Essayreihe über das Schicksal der russischen Orthodoxie und der russischen Kultur jenseits der Grenzen Russlands.
Vor mehr als hundert Jahren legten von russischen Anlegestellen Dampfer ab, die Philosophen, Theologen, Schriftsteller, Musiker und Priester davontrugen. Die Vertriebenen, die alles verloren hatten, nahmen nur Bücher, Ikonen und Erinnerung mit. Aus diesem scheinbar gewichtslosen Gepäck erwuchsen Kathedralen und Gemeinden, theologische Institute und Universitätslehrstühle, Verlage und Ballettbühnen, ohne die sich die kulturelle und geistige Landschaft Europas heute nicht mehr denken lässt.
Unser Projekt ist der Versuch, diese Geschichte neu zu erzählen: ruhig, mit Dokumenten und Namen, ohne Glanz und ohne Karikatur. Die Geschichte davon, wie die Verbannung zur Begegnung wurde und die Tragödie zu wechselseitiger Bereicherung. Wie Menschen, die ihrer Heimat beraubt waren, nicht aufhörten, Russland zu lieben — und zugleich ihr Leben lang die Dankbarkeit gegenüber den Ländern bewahrten, die ihnen in den dunkelsten Jahren ihre Türen geöffnet hatten.
Worüber wir schreiben werden:
- über Menschen — Theologen und Bischöfe, Philosophen und Künstler, deren Lebenswege zwei Kulturen verbanden;
- über Orte — die Kirchen in der Rue Daru und in Nizza, die Institute in Paris und New York, die Gemeinden, die zu Inseln lebendiger Tradition wurden;
- über Ideen — darüber, wie das russische religiöse Denken in den europäischen Dialog über Glauben, Freiheit und den Menschen eintrat und was es heute bedeutet.
Wir sind überzeugt: Das kulturelle und geistige Erbe unterwirft sich politischen Grenzen nicht. Die Brücke, die durch die hundertjährige Arbeit der Emigration errichtet wurde, lässt sich durch Rhetorik nicht zerstören — von keiner der beiden Seiten. Heute, in einer Zeit des beispiellosen Bruchs zwischen Russland und Europa, ist die Erinnerung an diese Brücke keine Nostalgie, sondern eine Notwendigkeit.