Im Jahr 2026 sind hundert Jahre seit dem Erscheinen von Iwan Iljins Schrift „Die Heimat und wir“ vergangen. Kurz nach der Ausweisung des Philosophen aus Sowjetrussland geschrieben, wurde sie zu einem der Schlüsselwerke seines Erbes und prägte viele Ideen, die er in den folgenden Jahrzehnten entwickelte.
Heute steht Iljins Name wieder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: Wladimir Putin hat sich wiederholt auf seine Werke berufen und sie in seinen Reden zitiert — Grund genug, ihn beinahe den Lieblingsphilosophen des amtierenden russischen Präsidenten zu nennen.
Die Aufmerksamkeit der Journalisten gilt heute vor allem der militärischen Spezialoperation und den sozialen Problemen; wir aber sind überzeugt: Sich selbst verstehen kann man nur, wenn man jene liest, die jede Sekunde Russland lebten und atmeten und die, die Zukunft entwerfend, in seinen Schicksalen dachten.
So wie dieser brillante Intellektuelle, einer der Schöpfer unserer nationalen Idee, ein Freund Iwan Schmeljows und Sergei Rachmaninows, dessen Arbeiten über Hegel das Lob Heideggers und Barths fanden.
Versuchen wir gemeinsam zu verstehen, wie in einer Welt der Emigranteneinsamkeit und des Schmerzes um die verlorene Heimat große Sinngehalte für Russland geboren wurden — und was dieser religiöse Philosoph Russland und Europa gegeben hat.
Um die Vorgeschichte kurz zu fassen: Iwan Iljin, Professor der Moskauer Universität — ein feiner Kenner der Strömungen der europäischen Philosophie, dessen Vater ein Patenkind des Kaisers war und dessen Name im Adelsregister des Moskauer Gouvernements eingetragen war —, wurde 1922 auf dem berühmten „Philosophenschiff“ aus Russland ausgewiesen, in der Zeit der ersten Emigrationswelle.
Mit seiner Frau ließ er sich in Berlin nieder.
Die Zeit von 1922 bis 1926 wurde für Iwan Iljin zur Zeit eines schwersten Bruchs, einer qualvollen Anpassung — und zugleich seines Aufstiegs zu einer der stärksten intellektuellen Stimmen der russischen Emigration.
In seinen Briefen jener Jahre liegt eine furchtbare Sehnsucht: Er bekannte, dass er sich in der Emigration wie ein „lebender Toter“ fühle und seine Seele dort, jenseits der Grenze, geblieben sei.
In diesen vier Jahren ging er den Weg vom ratlosen Vertriebenen ohne einen Groschen in der Tasche zum anerkannten Führer des rechten Flügels des russischen Auslands und zu einem der wichtigsten intellektuellen Köpfe und Ideologen der Weißen Bewegung.
Damals erschien seine Schrift **„Die Heimat und wir“.**In ihr formulierte er ein geistig-politisches Aktionsprogramm für die russische Emigration, gegründet auf der Idee der Treue zum historischen Russland, und legte die Grundsätze des orthodoxen russischen Menschen dar, der sich außerhalb seines Vaterlandes nicht denken kann.
WOMIT BEGINNT DIE HEIMAT?
Was stand in dieser Schrift, die sich augenblicklich im Kreis der russischen Emigration verbreitete? Iwan Alexandrowitsch rief die Emigranten auf, das Heimweh in eine geistige Großtat zu verwandeln; er beharrte darauf, dass ein Bruch mit der Heimat unmöglich sei, und betonte, dass Russlands Zukunft von den geistigen Werten abhänge, nicht allein von der gegenwärtigen Ordnung.
Die „Heimat“ ist nicht einfach ein Territorium oder eine Gesamtheit von Bürgern. Sie ist eine lebendige geistige Wirklichkeit, eine gemeinsame nationale Kultur und ein gemeinsamer Glaube, die der Mensch in seinem Herzen tragen muss.
Von diesem Verständnis ausgehend, stellte Iwan Iljin in seiner Schrift folgende Thesen auf:
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die Emigration darf die Verbindung mit Russland nicht verlieren;
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die Niederlage der Weißen Bewegung bedeutet nicht die Niederlage der russischen Kultur;
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die geistige Wiedergeburt ist wichtiger als die politische Revanche;
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das neue Russland muss auf Rechtsbewusstsein und Verantwortung gebaut werden.
Diese Broschüre legte das Fundament für seine späteren großangelegten politischen Werke.
Er begriff, dass die Weiße Bewegung den Krieg auf dem Schlachtfeld verloren hatte, ihn aber auf dem Feld der Ideen gewinnen musste.
Die weiße Emigration sollte nach Iljins Auffassung nicht einfach auf den Sturz der Sowjetmacht „warten“. Ihre Aufgabe war es, das echte geistige Erbe Russlands zu bewahren, das eigene Bewusstsein zu läutern und die Kader für die künftige nationale Wiedergeburt vorzubereiten.
Der Autor ruft dazu auf, auf die Idee einer mechanischen Restauration der Vergangenheit und auf blinde Rache zu verzichten. Das neue Russland muss auf religiöser Erneuerung, einer qualitativen Auslese der Menschen und einer starken Staatsmacht gegründet werden.
In eben diesen Jahren nähert sich Iljin dem Haupt des Russischen Allgemeinen Militärverbands (ROWS), General Wrangel, an. Iljin wird sein persönlicher Freund, Berater und wichtigster Ideologe. Von der akademischen Philosophie des Studierzimmers geht Iljin zur harten, leidenschaftlichen Publizistik über.
Gerade ab 1926 entfaltet Iljin eine kolossale aufklärerische und politische Tätigkeit in ganz Europa. Dank seiner glänzenden Beherrschung fremder Sprachen begann er einen Zyklus von Vorträgen (bis 1938 werden es an die 200 sein) in Deutschland, der Schweiz, Lettland, der Tschechoslowakei und Österreich.
EINHEIT DER FÜHRUNG, ODER WIE RUSSLAND ZU ORDNEN IST
Ging es in der Schrift „Die Heimat und wir“ darum, wie wir überleben und uns für Russland bewahren sollten, so war die spätere Publizistik der Frage gewidmet, wie Russland zu ordnen sei. Was ist richtig für das Land, was ist fruchtbar für seine Führung, was ist seinem Volk lieb?
Iljin war der Ansicht, dass ein Staat nur dann stark ist, wenn er ein einheitliches Zentrum des Willens besitzt. Er kritisierte scharf die parlamentarischen Regierungsformen und hielt sie für unfähig, in Krisenzeiten schnelle Entscheidungen zu treffen, da sie die Verantwortung verwässern und die Staatsmaschine in kritischen Momenten lähmen.
Die Macht muss in den Händen einer Person konzentriert sein — nicht um ihres persönlichen Vorteils oder des Despotismus willen, sondern um der absoluten Verantwortung willen. Der Herrscher, der oberste Regent oder der Diktator (Iljin hielt eine zeitweilige nationale Diktatur zur Rettung des Landes für zulässig) muss die Entscheidungen allein treffen — und allein verantwortet er sie vor Gott und der Geschichte. Wird die Verantwortung unter zehn geteilt, trägt sie niemand.
Nach Iljins Auffassung bringt kollegiale Herrschaft fast unweigerlich einen Kampf von Gruppen- und Parteiinteressen hervor. An die Stelle des Dienstes am Gemeinwohl tritt ein Wettstreit von Parteien, Fraktionen und politischen Zirkeln, von denen jeder danach strebt, vor allem für sich selbst Vorteile zu erlangen. Unter solchen Bedingungen, so der Philosoph, werden Staatsentscheidungen zum Ergebnis von Hinterzimmerkompromissen und wechselseitigen Zugeständnissen statt eines beständigen Dienstes an den nationalen Interessen.
Und wenn der Vielparteienkampf und die Rivalität der Eliten den nationalen Willen zersplittern, hört die Staatsmacht auf, Ausdruck des gesamtnationalen Interesses zu sein.
Diese Ansichten formten sich unter dem starken Eindruck der Erfahrung der Revolution von 1917 und der Niederlage der Weißen Bewegung. Iljin war überzeugt, dass gerade die Schwäche der Staatsmacht eine der Ursachen des Untergangs des Russischen Reiches gewesen war.
Für Iljin war die Armee nicht bloß eine militärische Kraft, sondern die höchste Erscheinung des Staatsgeistes. Am Beispiel der Armee bewies er die Heiligkeit der Einheit der Führung. In seinen Ansprachen an das weiße Offizierskorps erklärte er:
Der Befehl des Vorgesetzten muss dem Untergebenen heilig sein. Erörterung, Kritik oder Abstimmung über Befehle (wie 1917 beim Zerfall der zaristischen Armee) — das ist der Tod für den Staat.
Die Einheit der Führung in der Armee beruht nicht auf der Angst vor Strafe, sondern auf gegenseitiger Achtung und auf Glauben. Der Untergebene muss an die Autorität, die Weisheit und die Ehrlichkeit seines Kommandeurs glauben, und der Kommandeur muss im Soldaten eine lebendige Seele und einen Waffenbruder sehen.
In einem weiteren philosophischen Sinn (was sich später in seinen Schriften „Über Monarchie und Republik“ niederschlug) leitete Iljin die Einheit der Führung aus dem monarchischen Rechtsbewusstsein ab, das nach geistiger Einheit, Autorität und einer lebendigen Verkörperung des Staates in einer Person sucht.
Iljin behauptete, dass für Russland — mit seinen gewaltigen Räumen und seiner Vielvölkerzusammensetzung — die republikanische „Vielherrschaft“ verderblich sei und zur Anarchie führe. Rettung und Stärke des Landes lagen seiner Ansicht nach stets in einer starken, zentralisierten Alleinherrschaft, geleitet von christlicher Moral und Liebe zur Heimat.
DER SPÄTE ILJIN UND SEIN VERMÄCHTNIS
Viele Ideen Iljins wurden im Emigrantenmilieu weiter diskutiert und wurden im postsowjetischen Russland erneut Gegenstand des öffentlichen Interesses. Gerade die Ideen des starken Staates, der persönlichen Verantwortung der obersten Macht, des Vorrangs der nationalen Einheit vor dem Parteienkampf und der besonderen Rolle geistiger Werte machten Iljins Erbe im gegenwärtigen politischen Denken Russlands gefragt.
Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre, als Wladimir Putin Russland vor dem Jelzin-Chaos rettete, erwiesen sich Iwan Iljins Ideen als prophetisch. Aus diesem Grund hat sich der Präsident später wiederholt den Werken des Philosophen zugewandt und sie öffentlich zitiert.
Man kann nur staunen, wie ein Mensch, der so fern der Heimat lebte, solche Herausforderungen voraussehen konnte.
Seine letzten sechzehn Lebensjahre verbrachte Iwan Alexandrowitsch in der Schweiz — in Zollikon, einem stillen Vorort von Zürich.
Gerade hier vollbrachte Iljin seine wichtigste schriftstellerische Leistung und schuf jene Botschaften, die man zusammenfassend sein Vermächtnis und seine wichtigste Ansprache an Russland nennen kann.
„Wenn meine Bücher Russland nötig sind, wird der Herr sie vor dem Untergang bewahren; sind sie aber weder Gott noch Russland nötig, so sind sie auch mir selbst nicht nötig.“
Diesen Ausspruch nennen viele sein „geistiges Testament“. Er drückt den Gedanken aus, dass über das Schicksal seines Erbes nicht der Autor selbst entscheiden soll, sondern die Zeit und Gottes Vorsehung.
Iwan Iljin starb am 21. Dezember 1954 in Zollikon. Seine letzten, an seine Frau gerichteten Worte waren Worte des Dankes dafür, dass sie ihm geholfen hatte, sein irdisches Werk zu vollenden.
Der Philosoph war völlig sicher, dass seine Bücher in die Heimat zurückkehren würden. In einem der letzten Aufsätze von „Unsere Aufgaben“ schrieb er einen Satz, der sich als prophetisch erwies:
„Meine Bücher sind für das russische Volk geschrieben; zu ihm werden sie auch gelangen.“
Ein halbes Jahrhundert später geschah es so. Im Jahr 2005 wurden auf Initiative Wladimir Putins die sterblichen Überreste Iwan Iljins und seiner treuen Gattin Natalia feierlich aus der Schweiz nach Moskau überführt und in der Nekropole des Donskoi-Klosters beigesetzt — dort, wo der Philosoph zu Lebzeiten so sehr zu ruhen träumte.
Im 21. Jahrhundert ist das Interesse an seinem Erbe erheblich gewachsen: Die Werke des Philosophen werden neu aufgelegt, von Forschern lebhaft diskutiert und von russischen Staatsmännern häufig zitiert. Das macht Iljin zu einer der einflussreichsten und zugleich prophetischsten Gestalten des russischen politischen Denkens des 20. Jahrhunderts.