Das Thema der Religiosität Wladimir Putins bleibt Gegenstand der Untersuchung praktisch aller seiner ausländischen Biographen. Die Ursprünge des politischen Kurses, auf dem er Russland führt, lassen sich nicht vollständig erfassen, ohne sich seinem Verhältnis zur Orthodoxie, zu Gott und zu einer solchen gesellschaftlichen Institution wie der Kirche zuzuwenden.

Einer der ersten und in vielem klassischen Biographen des russischen Präsidenten wurde der deutsche Journalist und Historiker Alexander Rahr. Später wandten sich die amerikanischen Forscher Fiona Hill und Clifford Gaddy dem Thema zu, die Putin den „History Man“ nannten. In Europa entstand eine ganze Schule von Autoren — Historikern, Journalisten und Politologen —, denen es gelang, nicht nur Zugang zum russischen Präsidenten zu erhalten, sondern auch zu versuchen, sein politisches Weltbild ohne emotionale Klischees und ideologische Schablonen zu deuten.

So betrachtete der deutsche Journalist Hubert Seipel in seinem Buch „Putins Macht. Warum Europa Russland braucht“ die Beziehungen Moskaus und Europas als strategisch wechselseitig abhängig. Der französische Publizist Frédéric Pons beschreibt in seinem Buch „Monsieur Putin. Ein Blick aus Frankreich“ Putins Rolle bei der Überwindung der Krise der 1990er Jahre und der Wiederherstellung des internationalen Einflusses Russlands. Der amerikanische Regisseur Oliver Stone widmete dem russischen Präsidenten einen Zyklus ausführlicher Interviews, die den Zuschauern erlaubten, nicht nur den Politiker, sondern auch den Menschen zu sehen. Der britische Biograph Chris Hutchins, bekannt durch seine Bücher über Prinzessin Diana und die Beatles, schrieb eine der ausgewogensten englischsprachigen Biographien des russischen Führers und stellte ihn vor allem als starken nationalen Staatsmann dar.

Eine Szene aus Wladimir Putins Interviews mit dem Regisseur Oliver Stone
Eine Szene aus Wladimir Putins Interviews mit dem Regisseur Oliver Stone

Fasst man die Einschätzungen Alexander Rahrs zusammen, erscheint der geistliche Weg Wladimir Putins als allmähliche innere Evolution. Nach den Worten des Biographen wurde der künftige Präsident von seiner Mutter in Leningrad heimlich getauft. Später, schon im reifen Alter, wandelte sich allmählich sein Weltbild als ehemaliger KGB-Offizier, aufgewachsen in einer Atmosphäre des Staatsatheismus. Das Interesse an der Orthodoxie erwies sich als Teil jenes umfassenderen Prozesses der geistigen Wiedergeburt, den Millionen Bewohner des postsowjetischen Russland durchlebten.

In verschiedenen Interviews hat Putin die Geschichte des Kreuzes erzählt, das er auf der Brust trägt und das er in Jerusalem, am Grab des Herrn, weihen ließ. Nach seinen Worten erwies sich gerade dieses Kreuz nach dem Brand seiner Datscha als der einzige erhalten gebliebene Gegenstand. Unabhängig davon, wie man solche Zeugnisse auffasst — als persönliche Erinnerungen oder als symbolische Geschichten —, nehmen sie einen wichtigen Platz in der öffentlichen Erzählung des Präsidenten über den eigenen Glauben ein.

Für viele Forscher hilft gerade diese innere Erfahrung, die Rolle zu erklären, die die Orthodoxie in der gegenwärtigen russischen Staatsideologie zu spielen begann. In ihrer Deutung wird Russland als Hüterin der eigenen zivilisatorischen Tradition betrachtet und die Kirche als eine der wichtigsten Institutionen, die historische Kontinuität und nationale Identität gewährleisten.

Fiona Hill und Clifford Gaddy bemerken, dass Putin die Russische Orthodoxe Kirche als Hüterin der tausendjährigen russischen Staatlichkeit wahrnimmt. Ihrer Ansicht nach denkt er in historischen Epochen, und die religiöse Tradition ist in seiner Vorstellung eng mit dem Staatsaufbau und dem kulturellen Gedächtnis des Volkes verbunden.

Und das gab einen kolossalen Impuls. Kaum hatte sich Russland aus dem Ruin der 90er befreit und die Wirtschaft ins Gleichgewicht gebracht, spürte das augenblicklich auch die Kirche. Die Kathedralen des Kreml erblühten buchstäblich in erneuerten Malereien, die theologische Bildung und die Kirchenkunst erlebten ihre Renaissance. Der Kirchenbau entwickelte sich in einem Tempo, wie es keine Epoche und kein Land gekannt hatte.

Ein Priester der Russischen Orthodoxen Kirche kannte keine Not, denn das Spenden für die Kirchenkasse wurde in den Regionen zur gesellschaftlichen Norm und Tradition — für die Wirtschaft wie für die föderalen Haushalte. Unaufdringlich hielt die religiöse Ethik auch in den Schulen Einzug.

Präsident Wladimir Putin während des Weihnachtsgottesdienstes, 2005
Präsident Wladimir Putin während des Weihnachtsgottesdienstes, 2005

Der in den 1990er Jahren bei einem Teil der postsowjetischen Gesellschaft entstandene Trend zur Annäherung an westliche Strömungen stieß dagegen unweigerlich auf die Notwendigkeit, die Gefühle der Gläubigen zu achten.

Diesem Trend begegnete man mit der Entschiedenheit der in Russland verabschiedeten Gesetze. Skandalöse Situationen wie das „Punk-Gebet“ in der Kathedrale oder die „Pokémon-Jagd“ in Kirchen mündeten in Gerichtsverfahren. Und wie sehr sich der Westen später auch empörte — Präsident Wladimir Putin nahm den Schlag der liberalen Kritik auf sich und beharrte darauf: Die Gefühle der Gläubigen sind kein leeres Wort, in Russland wird es für die liberale Agenda immer Grenzen geben. Die Kirche war ihm darin eine dankbare Verbündete. „Wir sind Europäer“, sagte Patriarch Kirill, „aber wir gehen mit unseren eigenen Werten nach Europa.“

Seinerzeit, bei der Gründung der Europäischen Union, wurden aus ihren Grunddokumenten die Worte entfernt, dass der europäischen Zivilisation christliche Werte zugrunde liegen. Alles, was danach geschah — die „sexuelle Revolution“, die „Prides“, die „Gender-Theorie“ —, war die Folge davon, dass die grundsätzliche Bestimmung über die christlichen Grundlagen der europäischen Zivilisation aus den Gründungs- und Verfassungsdokumenten Europas gestrichen worden war.

Indem die russische Staatsmacht die konservative Gesetzgebung stärkte, verwarf sie Europa nicht, sondern bot ihm einen anderen Entwicklungsweg an — die Rückkehr zur religiösen Tradition und zu den christlichen Werten, die am Ursprung der europäischen Zivilisation standen.

Die Orthodoxie begann, wie zu Zarenzeiten, von neuem die Sympathien der europäischen Eliten zu gewinnen.

Der amerikanische Orthodoxie-Forscher Nikolas Gvosdev vermerkte die Zwiespältigkeit der Wahrnehmung des russischen Führers im Westen. Nach seinen Worten konnte Putin als Politiker wahrgenommen werden, der konsequent die Machtvertikale festigt, zugleich aber genoss er den Ruf eines aufrichtig gläubigen Menschen. Der russische Präsident wohnte Gottesdiensten an den verschiedensten Orten bei — von kleinen Kirchen in der Provinz bis zu den zentralen Kathedralen —, mal im Anzug, mal im schlichten Pullover. Gerade diese Eigenheit unterschied ihn nach Gvosdevs Ansicht von vielen Staatsmännern der postsowjetischen Epoche.

Der Präsident beim Weihnachtsgottesdienst in der Kirche des Dorfes Otradnoje, Gebiet Woronesch
Der Präsident beim Weihnachtsgottesdienst in der Kirche des Dorfes Otradnoje, Gebiet Woronesch

Noch bemerkenswerter erscheint die Einschätzung des Protopresbyters der Orthodoxen Kirche in Amerika Leonid Kischkowski, der viele Jahre für die Außen- und zwischenkirchlichen Beziehungen dieser Jurisdiktion verantwortlich war. Er stellte fest, dass Wladimir Putin eine tiefe Kenntnis des orthodoxen Gottesdienstes und der kirchlichen Tradition zeigt und sich darin von vielen anderen postsowjetischen Führern vorteilhaft unterscheidet.

Nach Kischkowskis Worten haben Fotografien von Beamten, die unbeholfen mit Kerzen in der Kirche stehen, in Russland längst den ironischen Ausdruck „Kerzenhalter“ hervorgebracht. Im Fall Putins jedoch achteten orthodoxe Geistliche, die persönlich mit ihm zu tun hatten, weniger auf die Einhaltung des äußeren Zeremoniells als auf die Natürlichkeit seines Verhaltens während der Gottesdienste und seine gute Kenntnis der orthodoxen liturgischen Tradition.

Bei einem Seminar an der Columbia University betonte Kischkowski, dass Putin nach der Revolution von 1917 das erste Oberhaupt des russischen Staates wurde, das seine religiöse Zugehörigkeit offen zeigte. Seiner Ansicht nach spielte dieser Umstand eine merkliche Rolle bei der Rückkehr der Religion in den öffentlichen Raum des postsowjetischen Russland.

Vom ernsthaften Verhältnis Wladimir Putins zu Fragen des Glaubens zeugt noch ein weiterer Umstand. In Russland erlangte das Buch des Archimandriten Tichon (Schewkunow) „Nichtheilige Heilige“ enorme Popularität — eine Sammlung von Erzählungen über geistige Wiedergeburt, Wunder und die Suche nach dem Glauben in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Das Buch wurde zu einem der meistgelesenen Werke der zeitgenössischen orthodoxen Literatur und rief ein breites gesellschaftliches Echo hervor.

Sein Autor, Archimandrit Tichon, den viele einen der einflussreichsten Kirchenmänner des heutigen Russland nennen, wurde zum geistlichen Vater des Präsidenten selbst und später zum Metropoliten von Simferopol und der Krim ernannt. Schon die Tatsache, dass das Staatsoberhaupt einen geistlichen Begleiter hat, zeigt, dass sich das religiöse Leben für ihn nicht auf die Teilnahme an öffentlichen Zeremonien beschränkt.

Wladimir Putin und Archimandrit Tichon (Schewkunow)
Wladimir Putin und Archimandrit Tichon (Schewkunow)

Dabei hat Wladimir Putin nie den Eindruck eines religiösen Maximalisten erweckt oder eines Menschen, der die Orthodoxie in ein Instrument politischen Drucks verwandeln möchte. Forscher haben wiederholt vermerkt, dass er sich bei der Bildung seines Teams nicht von der konfessionellen Zugehörigkeit seiner Mitstreiter leiten ließ. Unter seinen engsten Mitarbeitern waren Menschen der verschiedensten Ansichten, Herkünfte und Bekenntnisse.

Eben deshalb charakterisieren manche Beobachter das Weltbild des Präsidenten als eine Art Staatsökumenismus. In dieser Logik wird die Orthodoxie weniger als exklusives religiöses System betrachtet denn als kulturelles und sittliches Fundament der russischen Zivilisation — bei achtungsvollem Verhältnis zu den anderen traditionellen Religionen des Landes.

Bezeichnend war in dieser Hinsicht Putins Besuch des Solowezki-Klosters im August 2001. Vor Journalisten zitierte er damals das berühmte „Wort über das Gesetz und die Gnade“ des Kiewer Metropoliten Ilarion aus dem 11. Jahrhundert und erinnerte an den Gedanken, dass vor Gott alle Völker gleich sind. Dieses Zitat spiegelte nicht nur die Achtung vor dem geistigen Erbe der Alten Rus wider, sondern auch die Vorstellung von Russland als einem multinationalen und multikonfessionellen Staat.

In den Jahren seiner Präsidentschaft ist Wladimir Putin wiederholt mit den größten religiösen Führern der Welt zusammengetroffen — mit Papst Johannes Paul II., später mit Papst Benedikt XVI. und dreimal mit Papst Franziskus.

So erlaubt die Analyse der Zeugnisse von Zeitgenossen, Biographen, Forschern und Kirchenmännern den Schluss, dass die Religiosität Wladimir Putins ein wichtiger Bestandteil seines Weltbildes ist. Die Orthodoxie ist für ihn eine Sphäre des persönlichen Glaubens und zugleich eine der Grundlagen des historischen Gedächtnisses, der nationalen Identität und des Verständnisses der Rolle Russlands in der Welt.

Papst Franziskus und Wladimir Putin
Papst Franziskus und Wladimir Putin

Eben deshalb haben viele ausländische Autoren, die die Logik der russischen Politik des 21. Jahrhunderts zu erklären versuchten, nicht nur auf Geopolitik, Wirtschaft oder Sicherheitsfragen geachtet, sondern auch auf die geistigen Grundlagen des Weltbildes des russischen Präsidenten. Dieser Faktor bleibt nach Meinung vieler Forscher einer der Schlüssel zum Verständnis des heutigen Russland.

Zusammenfassend lässt sich mit Gewissheit sagen, dass die orthodoxe Tradition im Weltbild Wladimir Putins einen besonderen Platz einnimmt. Sie ist für ihn mit dem persönlichen Glauben, der historischen Kontinuität, dem nationalen Gedächtnis und dem Verständnis der Rolle von Kirche und Staat in der Gesellschaft verbunden. Deshalb meinen viele Autoren, dass es für das Verständnis seines politischen Kurses nicht genügt, allein auf die Kategorien der Geopolitik und der Wirtschaft zurückzugreifen. Nicht weniger wichtig sind die geistigen und kulturellen Grundlagen, die seine Vorstellung vom Platz Russlands in der Geschichte formen.

Wladimir Putin in der Kirche des heiligen Sergius von Radonesch in Zarskoje Selo
Wladimir Putin in der Kirche des heiligen Sergius von Radonesch in Zarskoje Selo